Kaukasus-Expertin: „Es wäre noch zu früh, über eine außenpolitische Wende in Armenien zu sprechen“

Kaukasus-Expertin: „Es wäre noch zu früh, über eine außenpolitische Wende in Armenien zu sprechen“

Am 8. Mai 2018 wurde nach den wochenlangen heftigen Protesten in Armenien ein neuer Regierungschef, Nikol Paschinjan, gewählt. Im Interview für "Caucasus Watch" kommentiert die Sozialanthropologin und wissenschafliche Mitarbeiterin am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS), Dr. Tsypylma Darieva, die jüngten politischen Ereignisse in der Kaukasus-Republik.   

Frau Darieva, welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die einflussreiche armenische Diaspora in den Prozessen, die wir derzeit in Armenien beobachten?

Die Rolle der armenischen Diaspora ist bislang in den Massenprotesten in Armenien eindeutig gering. Der Hauptakteur der Massenstraßenproteste ist die lokale Bevölkerung, insbesondere junge Männer und Frauen, Studenten, kleine Angestellte, Arbeitslose und Intellektuelle, die von Anfang an „selbstständig“ agieren ohne einen engen Kontakt zu Diasporaaktivisten in den USA, Kanada oder Europa zu haben. Die armenische Gesellschaft hat inzwischen eine starke Protestkultur entwickelt, die sich insbesondere über die letzte Dekade professionalisiert hat. Vertreter der armenischen Diaspora scheinen die Geschehnisse in ihrer Heimat aus der Ferne zu beobachten. Zwar haben mehrere Auslandsarmenier ihre Solidarität mit den Protestierenden (Russland, Frankreich) gezeigt, und einzelne Diaspora-Armenier nehmen daran aktiv teil, dennoch sind weder Inspirationen noch organisatorische Fragen der Protestbewegung von externen Akteuren beigesteuert worden. Im Wesentlichen liegt es daran, dass die Beziehungen zwischen westlichen Diasporagemeinschaften und der Republik Armenien immer ambivalent gewesen sind und sich in der letzten Dekade sogar abgekühlt haben. Die zahlenmäßig größere und etabliertere armenische Diaspora betrachtete Sargsjans Regierung und die staatlichen Institutionen eher mit Misstrauen. Es bleibt die Frage, in wieweit eine neue Regierung mit Nikol Paschinjan an der Spitze einen neuen Impuls für die Einigung zwischen den zwei verschiedenen Polen (Diaspora und Nationalstaat) gibt.

Ist es zu erwarten, dass sich die armenische Außenpolitik nun stärker an den Westen orientieren wird?

Über eine Wende wäre es noch zu früh zu sprechen. Zwar sind anti-russische bzw. anti-eurasische Stimmen deutlich mehr zu hören (das war bereits bei den Elektrik-Jerewan-Protesten zu beobachten), und Protestierende wünschen mehr westlich orientierte Politik und Reformen, dennoch geopolitisch und im Alltag wird Armenien seine doppelte Strategie weiterhin verfolgen (müssen). Russlandkritische Äußerungen sind nie explizit gewesen, und sie sind eher gegen die eigene Regierung gerichtet, da sie vom Kreml abhängig ist. Ein interessanteres Beispiel. Die Protestbewegung verwendete in ihrer Bildsprache die Figur von Tscheburaschka als das Image für den ehemaligen Präsidenten Sargsjan. Der inzwischen zurückgetretene Sersch Sargsjan bekam diesen Namen 2013 als Armenien das Abkommen über den Beitritt in die Eurasische Union unterzeichnete. Somit zeigte die Protestbewegung ihre Frustration gegenüber der „Schwäche“ der Regierung. Tscheburashka ist eine Film- und Romanfigur aus einem sowjetischen Kinderfilm, ein kleines haariges Wesen mit traurigen Augen, das immer wieder umfällt. An sich ein sympathisches Wesen, dennoch symbolisiert es eine Figur, die ihre Schwächen zeigt und häufig von seinem großen Freund, Gena, einem Krokodil, abhängig ist. Seit 1991 verfolgt Armenien politisch und gesellschaftlich eine doppelte Strategie der Entwicklung und Kooperation, wobei es dem Land trotz der engen Beziehungen mit Russland gelingt, auch zum Westen stabile Brücken und Beziehungen aufzubauen. Für „Gena“ können diese Aushandlungen sogar vom Vorteil sein, da somit Armenien einen flexiblen Zwischenraum für geopolitische Spiele bietet.  

 

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